Millionengrab unter der Kaiserstraße?

Im Januar 2010 begann der Bau des Straßenbahn-Tunnels in Karlsruhe. Das umstrittene Projekt soll ab 2016 eine schienenfreie Fußgängerzone auf der Kaiserstraße ermöglichen. Doch bringt die Lösung wirklich Fortschritte? Von Ullrich Müller
Eine recht positive Bilanz zog nach einem Jahr Bauzeit am Karlsruher Jahrhundertprojekt »Kombilösung« deren Schöpfer – der noch bis 2013 amtierende Oberbürgermeister Heinz Fenrich. Am 21. Januar 2010 fand auf dem Europaplatz vor der ehemaligen Hauptpost der politische erste Spatenstich unter so lautstarkem Protest der Tunnelgegner statt, dass die angereiste Prominenz wie der damalige Ministerpräsident Oettinger selbst mit Lautsprechern nicht dagegen ankämpfen konnte. Mit Einrichtung der Baustelle am 26. April 2010 auf dem Europaplatz begannen die eigentlichen Bauarbeiten, nachdem bereits Monate vorher im Bereich der verschiedenen Haltestellen Leitungs- und Kanalumlegungen sowie die Gleis-Profilaufweitung in der Baumeisterstraße zwischen Ettlinger Tor und Mendelssohnplatz durchgeführt worden waren.

Drei Tunnel-Großprojekte in Baden-Württemberg
Die 3.400 Meter lange Straßenbahn-Tunnelanlage gehört zu den drei großen Tunnelprojekten im Land Baden-Württemberg, von denen »Stuttgart 21« das teuerste und mittlerweile auch bekannteste ist. Wie sich bei der S 21-Schlichtung im Spätherbst 2010 offenbarte, wird dort, wie auch in ­Karls­ruhe, ein Engpass geschaffen, während der wirklich der Engpassbeseitigung dienende »Rastatter Tunnel« – im Zuge der NBS Karlsruhe – Baden-Baden – wegen angeblich zu hoher Kosten (600 Mio. €) momentan nicht zur Realisierung ansteht.
Der Skandal dabei ist, dass mit dem »Rastatter Tunnel« die Fernzüge dadurch ­unabhängig vom Stadtbahnverkehr auf eigener Trasse zwischen Karlsruhe und Offenburg ihre volle Höchstgeschwindigkeit ausfahren und der Stadtbahn-Nahverkehr wiederum flüssiger und pünktlicher gestaltet werden könnte. Darüber hinaus wäre es möglich, die in Rheinstetten-Mörsch etwa 300 Meter entfernt von der geplanten Neubaustrecke endende Stadtbahnlinie S 2 bei Durmersheim in die momentan überlastete DB-Bestandsstrecke einzuschleifen. So wäre zwischen Freudenstadt/Rastatt eine Direktanbindung der westlichen Industrie- und Hafengebiete von Karlsruhe als weitere Attraktivitätssteigerung möglich.


Das Projekt »Kombilösung«
Unter dem im Jahr 2002 von der Verwaltung als sogenannte »Kombilösung« ­vorge­stelltem Projekt ist ein Straßenbahntunnel unter der als Fußgängerzone ausgewiesenen Kaiserstraße und eine oberirdische Entlastungsstrecke in der Kriegsstraße zu verstehen. Beides ist nach Auffassung von Oberbürgermeister  Fenrich als untrennbare Einheit zu betrachten. Die Kriegsstraße verläuft etwa 500 Meter südlich parallel zur Haupteinkaufsmeile der Stadt und wurde bis 1972 zur Stadtautobahn umgebaut. Dies wiederum ermöglichte in den Jahren 1974 bis 1984 die Umgestaltung der Kaiserstraße in eine Fußgängerzone unter Beibehaltung des Straßenbahnbetriebes.
Vorgesehen ist, die Haupteinkaufsmeile der Stadt zwischen Mühlburger Tor und Durlacher Tor auf 2.400 Meter Länge mit einem 1.000 Meter langen Südabzweig unter dem Marktplatz in Richtung Hauptbahnhof zu untertunneln. Die seit 1877 ­bestehenden jetzigen oberirdischen Straßenbahnstrecken werden nach unten verlegt und nach vollendetem Tunnelbau stillgelegt. Der Südabzweig am Marktplatz ist als niveaugleiches Gleisdreieck ohne Vorsortierung vorgesehen. Sieben unterirdische Haltestellen in zehn bis 14 Meter Tiefe sollen dem Fahrgast von der Witterung unabhängige und angenehme Aufenthaltsqualitäten bieten.

Zuerst die Haltestellen
Die zukünftigen Haltestellen in der Kaiser­straße werden zunächst in Halbdeckelbauweise erstellt. Ab 2013 wird die eigentliche Tunnelröhre mit einer Schild­vortriebsmaschine von 9,40 Meter Aussendurchmesser vom Durlacher Tor in Richtung Mühlburger Tor vorgetrieben. Der Tunnelvortrieb im Südabzweig erfolgt bergmännisch. Die Tunnelrampen, die Kreuzung am Ettlinger Tor wie auch der 1.700 Meter lange Straßentunnel in der Kriegsstraße werden in offener Bauweise erstellt. 2016 sollen die Tunnel betriebsbereit ausgebaut sein.
Von 2016 bis 2019 soll dann die Entlastungsstrecke in der Kriegsstraße gebaut werden. Da der Tunnel nicht alle jetzt auf der Kaiserstraße verkehrenden Bahnen »schluckt«, werden die Bahnen bis 2019 auch noch oberirdisch anzutreffen sein.

Bau unter »rollendem Rad«

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