Bremsen für den Klimaschutz

Nach jahrelangem Probebetrieb mit dem 6MGT 646 entschloss sich die Rhein-Neckar-Verkehr, die jüngste Serie von Variobahnen für ­Heidelberg mit so genannten Energy Savern auszurüsten. Text: Bernhard Martin

Seit Juli 2009 liefert Bombardier die dritte, 19 Fahrzeuge umfassende Serie von Variobahnen an die Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) aus. Heidelberg erhält zehn 39,4 m lange, siebenteilige Zweirichtungswagen, mit denen die letzten Düwag-GT8 und GT6-Doppeltraktionen abgelöst werden können. Der Variobahn-Bestand der OEG wird um acht 30,5 m lange, fünfteilige Zweirichter ergänzt. Für Mannheim schließlich werden drei 42,9 m lange, fünfteilige Einrichtungsfahrzeuge geliefert, mit deren Hilfe dann dort endgültig auf die letzten Düwag-Achtachser (mit Niederflurmittelteil) verzichtet werden kann. Die Heidelberger Serie ist seit Januar 2010 vollständig ausgeliefert (Tw 3281-3288) und wird freizügig auf allen vier Linien der ­Universitätsstadt eingesetzt. Sechs der acht OEG-Wagen sind ebenfalls bereits in der Kurpfalz eingetroffen, haben aber noch ­keine EBO-Zulassung erhalten und machen sich daher im Mannheimer Stadtnetz nützlich.

Nicht ganz gewöhnlich

Es sind keine gewöhnlichen Fahrzeuge, die Bombardier in Bautzen für das Rhein-­Neckar-Dreieck produziert: Erstmals bei Straßenbahnen wird eine größere Fahrzeugserie mit Energiespeichern ausgerüstet. Im Falle der neuen Variobahnen handelt es sich dabei um den MITRAC Energy Saver von Bombardier. Im Gegensatz zu den vereinzelt in Busse und Straßenbahnen (Rotterdam) eingebauten mechanischen Energiespeichern mit Schwungrädern arbeitet der MITRAC Energy Saver rein elektrisch mit leistungsfähigen Doppelschichtkondensatoren, sogenannten Supercaps als Speichermedium. Diese sind im Gegensatz zu herkömmlichen Batterien sehr leicht und kompakt und können so auf dem Fahrzeugdach untergebracht werden. Die Supercaps lieferte die französische Firma batScap. Die neuen Heidelberger Variobahnen sind mit Geräten des Typs TC 550 ES (13 SG 76) mit drei Supercaps ausgestattet. Für je zwei Motoren können je Dachcontainer maximal 2x160 kW Leistung und maximal 2x0,49 kWh Energie geliefert werden. Der MITRAC Energy Saver ist mit einem 90 kW-Bremswiderstand gekuppelt.

Mehrfacher Nutzen

Bislang wurde die Ausstattung von Straßenbahnen mit Energiespeichern vornehmlich im Zusammenhang mit der Anlage von Neubaustrecken ohne Oberleitung gesehen. Energiespeicher könnten in diesem Kontext eine Alternative zu störanfälligen Unterleitungen (wie z.B. das APS in Bordeaux) oder Batterien (wie in Nizza) darstellen. So ließ beispielsweise München eine seiner neuen Stadler-Variobahnen mit einem Supercap ausstatten, um zu testen, ob sich ein derartiges Fahrzeug für den Einsatz auf einer möglichen Neubaustrecke durch den Englischen Garten eignet, für die Parkverwaltung und Regierung von Oberbayern die Anlage einer Oberleitung strikt ablehnen. Zwar wird auch in Heidelberg für die geplante – und sich konkretisierende – Neubaustrecke ins Neuenheimer Feld aufgrund der Nähe zu einigen Universitätsinstituten ein Verzicht auf die Anlage einer Oberleitung gefordert, doch die RNV war primär aus einem Grund am MITRAC Energy Saver interessiert: Er ermöglicht Energieeinsparungen von bis zu 30 Prozent.

Weniger Stromverbrauch – weniger Emissionen

Das Verkehrsmittel Straßenbahn hat ein Energieproblem: Zwar fahren Trams abgasfrei, aber meist wird der Strom noch konventionell in Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken erzeugt, die die Umwelt belasten. Außerdem hat sich mit jeder neuen Fahrzeuggeneration hat Energieverbrauch der Bahnen erhöht. Die Gründe hierfür liegen in höheren Gesamtgewichten, dem Einbau immer komplexerer elektronischer Anlagen und der Klimatisierung des Fahrer- und/oder Fahrgastraums. Die seit den 1990ern standardmäßige Drehstromtechnik ermöglicht zwar eine Rückspeisung von Bremsstrom in die Oberleitung und die Einsparung von 15 – 25 Prozent Energie. Dies funktioniert jedoch nur dann, wenn sich ein weiteres aufnahmebereites Fahrzeug in der Nähe befindet. Sonst verpufft die Bremsenergie weiterhin ungenutzt. Mit Energiespeichern in den Fahrzeugen kann nun dieses Problem gelöst werden. Schwungräder oder wie im Falle des MITRAC Energy Savers speichern die Bremsenergie zwischen und geben sie beim Anfahren an das Fahrzeug zurück. Somit müssen bei Straßenbahnen mit Energiespeicher nur noch 60 Prozent der Anfahrtsenergie vom Netz bereitgestellt werden. Die übrigen 40 Prozent liefert der Energiespeicher.

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