Ein Platz voll Leben und Geschichte

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Das Ende der Tram auf dem Alex
Ein rapide Wendung trat ein, als 1966 der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung in Berlin, Paul Verner(2), die Planung für den Alexanderplatz an sich zog, verschiedene Elemente der bisherigen Wettbewerbe kombinierte und mit Nachdruck die Umsetzung dieser »Patchwork-Architektur« veranlasste. Zuvor begannen auf der anderen Seite des S-Bahnhofs schon der Bau des Fernsehturms (dessen Bau als Höhendominante des Ostens stand seit 1964 fest) und diesen flankierend die Neubebauung der (zur Fußgängerzone gewandelten) Rathausstraße und der Karl-Liebknecht-Straße. Wenn auch nicht zum Alexanderplatz gehörig, müssen diese Bauten räumlich wie geschichtlich mit diesem im Zusammenhang gesehen werden. Ursprüng­liches Ziel war es, bis zum 20. Jahrestag der DDR im Oktober 1969 den neuen »sozialistischen« Alexanderplatz (einschließlich der genannten angrenzenden Stadträume) zu präsentieren (3).

Dem deshalb vorangetriebenen Baugeschehen war die Straßenbahn zwangsläufig im Weg, so dass am Morgen des 2. Januar 1967 der letzte Zug in Form eines Nachtwagens der Linie 69 über den Platz fuhr. Der Obus hatte sich bereits am 27. September 1966 von hier verabschiedet. Bemerkenswert ist, dass mit diesen kurzfristigen Entscheidungen einige zuvor getätigte Investitionen in den Sand gesetzt wurden. Erst 1962 hatte man die Alex­anderstraße mit besonderem Gleiskörper in Mittellage völlig neu gebaut, ebenso im Anschluss daran eine viergleisige Wendeschleife an der Wallnerstraße. Diese Anlagen waren nun wieder abzubauen, die Wendeschleife immerhin »erst« 1968 (sie war von der bis 1970 betriebenen Strecke in der Holzmarktstraße aus anfahrbar).

Umstrukturiertes Tramnetz
Das Straßenbahnnetz richtete sich nun auf den Norden des Bezirks Mitte aus. Wer zum »Alex« wollte, musste am Rosa-Luxemburg-Platz in die U-Bahn umsteigen und eine Station mit dieser weiterfahren. Alternativ blieb ein gut zehnminütiger Fußweg von der Mollstraße oder die Nutzung der dort querenden Buslinien. Die von der Leninallee, Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee ­kommenden Linien sammelten sich in der Mollstraße und fuhren über Rosa-Luxemburg-Platz weiter zu den Endpunkten Hackescher Markt, Am Kupfergraben oder Walter-Ulbricht-Stadion. Die erwähnte Protokollstrecke querte die Mollstraße in Richtung Greifswalder Straße im Gegensatz zum Alex niveaugleich – hatte sich einer der Konvois von Honecker u. Co. angemeldet, wurde hier der Straßen- und auch Straßenbahnverkehr gut eine Viertelstunde vorher angehalten, ein Passieren der Kreuzung war unmöglich.

Die Umgestaltung des Platzes mit großräumigen Fußgängerflächen zielte auch klar auf die Nutzung als Veranstaltungs- und Aufmarschfläche. Räumlich begrenzt war die Fußgängerfläche – das, was als »Platz« wahrnehmbar war – durch die einzigen beiden Altbauten (Berolina- und Alexanderhaus) sowie das neu erbaute Centrum-Kaufhaus und das Hotel Stadt Berlin. Die Straßenkreuzungen nördlich des Platzes konnten Fußgänger nur durch Tunnel queren; der nordöstliche am »Haus des Lehrers« wurde verknüpft mit den Verteilertunneln des U-Bahnhofs.
Ironie der Geschichte: eine der größten Veranstaltungen an diesem Ort – eine Demonstration am 4. November 1989 – markiert mit der bevorstehenden Maueröffnung den Beginn des Endes der DDR und damit des »Bauherrn« des Platzes in dieser Form.

Die Tram kehrt zurück zum Alex
Anfang der 1990er gab es Überlegungen und städtebauliche Wettbewerbe, mit ergänzender Bebauung dieser Fläche eine andere Dimension zurückzugeben und zugleich für Besucher interessanter zu machen (ob die präsentierten Wolkenkratzerpläne dazu geeignet wären, sei dahin gestellt). Eine Wiederanbindung an das Straßenbahnnetz war Teil der Ideen zur Neugestaltung des Platzes. Damit ließ sich nicht zuletzt der durch die Umsteigezwänge an den U-Bahnhöfen Rosa-Luxemburg-Platz und (seit 1990 wieder zugänglich) Weinmeisterstraße zusätzlich gebrochene Fahrgaststrom von der S- und künftig auch wieder Regionalbahn spürbar besser leiten.

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