Vorsicht, bremst kurz!

1969 feierte der Tatra-Typ T4D seine Premiere in der Elbestadt. Im Jubiläumsjahr 2009 erinnerten zwei ganz besondere Veranstaltungen an dieses historische Ereignis. Dabei kam es auch zum ersten Einsatz ­eines Wagens vom Typ T1 auf deutschen Straßenbahnschienen überhaupt.
Nach mehrjähriger Vorbereitung fuhren am 20. April 1969 zum ersten Mal Tatra-Triebwagen des Typs T4D im Fahrgastbetrieb auf Magdeburger Straßenbahngleisen. 40 Jahre später war dieses Ereignis dem Verein IGNah e.V. Anlass genug, die Veranstaltungssaison 2009 unter das Motto »40 Jahre Tatra-Wagen in Magdeburg« zu stellen. Mit Unterstützung der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) gab es zwei Höhepunkte: Bereits am 18. April 2009 wurde mit einer Fahrzeugausstellung und Sonderfahrten »wie 1969« an den Beginn der ­Tatra-Ära erinnert. Ein besonderer Höhepunkt sollte jedoch das Museumswochenende am 5. und 6. September 2009 im Depot Sudenburg werden. Die VVB Schienenfahrzeuge (VVB = Vereinigung Volkseigener Betriebe, Vorläufer der späteren Kombinate) und die Staatliche Plankommission der DDR strebten zu Beginn der 1960er-Jahre eine Verlagerung der Straßenbahnproduktion in die CSSR an, um die Produktionskapazitäten in Gotha für eine Ausweitung der exportorientierten Kühlwagenproduktion zu gewinnen.

Neue Straßenbahnen aus der CSSR

Die Prager Straßenbahnbauer im Tatra-Werk Smichov hatten sich seit den 1950er-Jahren der amerikanischen PCC-Technik zugewandt. Im Vergleich zur herkömmlichen Schaltwerktechnik wiesen die PCC-Fahrzeuge eine verbesserte Fahrdynamik auf. Schnelleres Anfahren, höhere Geschwindigkeiten, kürzere Bremswege und Zugbildungen aus mehreren Triebwagen – das war die Lösung für den anspruchsvollen Großstadtverkehr der Zukunft!

Ende 1964 nahm diese Vision zuerst in Dresden konkrete Formen an: Drei Prager Wagen des Typs T3 kamen in die Stadt und wurden mehrere Monate lang einer intensiven Erprobung unterzogen. Im März 1965 reisten dann einige Vertreter der MVB nach Dresden, um den T3 persönlich in Augenschein zu nehmen. Mitte 1965 stand im DDR-Ministerium für Verkehrswesen fest, dass das nunmehr zum Kombinat CKD gehörende Tatra-Werk Prag ab 1967 Straßenbahnen für die DDR bauen wird.

Im Juni 1966 war auch für Magdeburg die Entscheidung zugunsten der Tatra-Straßenbahn gefallen: Der Typ T4D, eine an die DDR-Verhältnisse angepasste T3-Weiterentwicklung, wird die Straßenbahn der Zukunft in der Elbstadt sein. Die Veränderungen beim T4D betrafen vor allem eine Verringerung der Wagenbreite von 2,50 m auf 2,20 m, den schaffnerlosen Betrieb und die Option des Beiwagenbetriebs.

Die ersten Bahnen sollten 1968 rollen. Doch die politischen Ereignisse um die Niederschlagung der »Prager Frühling« genannten Revolution in der CSSR verzögerten die Auslieferung der ersten Serie – bestehend aus 8 Triebwagen – ins Folgejahr.

Im Dezember 1989, also vor 20 Jahren, sollten dann die ersten T6A2-Wagen die Ablösung der T4D und B4D einleiten. Der ausgestellte Tw 1276 gehörte zu dieser ersten Lieferung von sechs Triebwagen, denen im Januar 1990 noch drei Beiwagen folgten. Weitere drei Großzüge erhielten die MVB aus Schwerin, wo der Fahrzeugtyp wegen seiner Wagenbreite nicht ohne weiteres einsetzbar war. Nach der Fahrzeugausstellung waren ab 13 Uhr Sonderfahrten geplant. Und hier haben die MVB für eine besondere Überraschung gesorgt: Durch großzügige Unterstützung war es möglich, den Triebwagen 1120 technisch aufzuarbeiten und im Erscheinungsbild so herzurichten, dass zusammen mit den historischen Tw 1001 und Bw 2002 die Bildung eines Großzuges möglich wurde.

Der Tw 1120 wurde 1975 gebaut und erhielt in den 1990er-Jahren eine Teilmodernisierung. Im Oktober 1986 war er übrigens der erste Tatra-Wagen, der mit Reklametafeln ausgestattet wurde. Wenn auch für Tatra-Puristen der Tw 1120 in seinem Erscheinungsbild geschichtlich nicht klar einzuordnen ist, zählt für die Mitglieder des Vereins IGNah der optische Gesamteindruck – und der ist geradezu perfekt! Vor allem ist der Verein sehr glücklich, den Triebwagen als Leihgabe der MVB vielfältig bei Sonderfahrten einsetzen zu können.

1969: Tatra-Begeisterung in Magdeburg

Am 3. April 1969, in der Woche vor Os­tern, trafen die ersten beiden Triebwagen per Eisenbahn in Magdeburg ein und wurden wie die folgenden sechs Fahrzeuge von der Verladerampe neben dem Gleisbauhof Lange Lake im Industriegelände zur Komplettierung in die Hauptwerkstatt Brückfeld überführt. Bereits am 19. April 1969 fand eine öffentliche Fahrzeugschau auf dem Alten Markt statt.

Seiten

Fotos: 
siehe Bildunterschrift
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Der Mensch als Fehlerquelle?

"Ich war doch nur ganz kurz abgelenkt“, zitieren zahlreiche Unfallprotokolle in ganz Deutschland die Fahrer von Stadt- und... weiter

Freiburg vor dem Generationswechsel - Gnadenfrist für die letzten sechs GT8K bis 2017

Die VAG in Freiburg bekommt gerade sechs Niederflurwagen von CAF geliefert – trotzdem mustert sie die letzten sechs hochflurigen GT8K nicht aus. Sie m&... weiter

Wirklich sicher?

Hat er seinen Tod fahrlässig in Kaufgenommen? Noch immer ermittelt die Dortmunder Staatsanwaltschaft, wieso am Pfingstwochenende ein 20-Jähriger zwischen zwei als...

weiter

Das könnte Sie auch interessieren