Unglücklich in Belgien - Düwags in Gent

Mitte der 1990er-Jahre erwarb DeLijn für den Einsatz im Genter Meterspurnetz neun Gelenk-Sechsachser von der Bogestra. Wegen Bremsproblemen, Unfällen und Protesten kamen lediglich drei davon sporadisch zum Einsatz
von ANDREAS MAUSOLF

Zwischen 1957 und 1969 lieferte die Düwag insgesamt 91 zweiteilige Zweirichtungs-Gelenkwagen an die Bochum Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (Bogestra). Die robusten Meterspur-Sechsachser prägten das Gesicht des Nahverkehrs im Herzen des Ruhrgebiets über Jahrzehnte nachhaltig. Nachdem die Bogestra 1976 die ersten Stadtbahnwagen vom Typ M6 in Betrieb nahm, reduzierte sich das Aufgabengebiet der Sechsachser, die aber noch keineswegs einen »Oldie-Status« erreicht hatten. Für »den Schrott« waren die im Revier überzählig werdenden Wagen noch viel zu gut, und deshalb wurde die Stadt Lille in Nordfrankreich auf sie aufmerksam.

Erfolgreich in Lille, erfolglos in Gent

Lille erwarb schließlich ab 1985 acht Einheiten, die gemeinsam mit einigen »Kollegen« der Vestischen Straßenbahnen – bis auf die elektrische Ausrüstung runderneuert und mit Einholmpantograph versehen – im dortigen Meterspurnetz eingesetzt wurden. Bis zum Eintreffen einer ganz neuen Fahrzeuggeneration bewährten sich die Fahrzeuge gut. Was lag also näher, als dass sich auch die 70 Kilometer entfernte nordbelgische Stadt Gent ein knappes Jahrzehnt später des erfolgreichen Tramtyps aus Bochum und Gelsenkirchen bedienen wollte. Bei der Meterspurtram an der Leie galt es, kurzfristig Kapazitätsengpässen im Fahrzeugpark abzuhelfen. Im Herbst 1993 hatte man zu diesem Zweck noch Versuche mit einem Einrichtungs-PCC-Wagen aus St. Etienne absolviert – erfolglos. Lediglich die Gestelle fanden schließlich noch Verwendung unter eigenen PCC-Wagen.

1994 erwarb das Verkehrsunternehmen DeLijn Gent schließlich neun sechsachsige Düwag-Einheiten von der Bogestra. Am 11. Mai 1994 gelangte mit Tw 29 der erste »Bochumer« nach Gent, und mit Tw 23 kam noch im Oktober desselben Jahres der neunte und letzte. Kurz zuvor, am 1. September, hatte der erste »Emigrant« nach Fertigstellung der Anpassungsarbeiten und einer ansprechenden Umlackierung auf der Genter Linie 1 seine ersten Einsätze in seinem neuen Meterspur-Revier absolviert. Es handelte sich um den Ex-Bogestra-Tw 29, der in Gent zunächst als Tw 55 bezeichnet wurde aber noch im selben die endgültige DeLijn-Nummer 60 erhielt. Als Triebwagen 61 und 68 wurden zwei weitere der übernommenen Sechsachser nach Vorbild des Tw 60 überarbeitet, in den DeLijn-Farben lackiert und bis zum Spätsommer 1995 in Dienst gestellt, doch eine Erfolgsgeschichte a la Lille gab es nicht: Die Verwaltung hatte offenbar nicht bedacht, dass das Fahrpersonal Probleme mit der vollkommen ungewohnten Technik der Düwag-Fahrzeuge bekommen würde, und auch die Technik selbst erfüllte die Erwartungen nicht. Dabei hätte Gent die im Vergleich zum Zweirichtungs-PCC erheblich größere Kapazität der Düwag-Sechsachser durchaus gebrauchen können. 

Bremsprobleme und Unfälle

Es kam immer wieder zu Problemen. Vor allem die Türbedienung und die Bremstechnik bereiteten Sorge. Nachdem sich im Frühjahr 1996 – nach vorausgegangenen Unfällen in den Vormonaten – innerhalb von einer Woche gleich zwei Unfälle ereigneten, an denen ex-Bochumer Wagen beteiligt waren, kam es zum offenen Streit zwischen der Direktion von Straßenbahnbetreiber DeLijn-Oostvlaanderen und der Belegschaft. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits drei der ehemaligene Bogestra-Wagen technisch den Genter Verhältnissen angepasst und lackiert, zwei weitere (Tw 67 und 62, an letzterem erfolgten keine weiteren Arbeiten mehr) befanden sich zu diesem Zweck in der Werkstatt. Auf den Einsatz der Fahrzeuge wurde als Konsequenz der Unfälle und den daraus folgenden Protesten des Fahrpersonals bis auf weiteres verzichtet. Gut ein Jahr darauf unternahm das Unternehmen noch einmal einen Anlauf und startete Anfang Juni 1997 Probe- und Schulungsfahrten; die Bremssysteme der ehemaligen Bochumer Wagen waren dafür verbessert worden. Anfang Februar 1998 schien dann endlich ein neues Kapitel zu beginnen: Die drei umgebauten Einheiten standen für den regulären Einsatz zur Verfügung und es soll sogar Tage gegeben haben, an denen alle drei Fahrzeuge gleichzeitig verkehrten.

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