Tram bleibt Trumpf!

Die Lage bei den »kleinen« Straßenbahnen in Ostdeutschland: Anders als in ­Cottbus wurden bei keinem der vielen weiteren »Kleinbetriebe« in der ehemaligen DDR zuletzt Überlegungen öffenlich, den Straßenbahnbetrieb aufzugeben.

In einem Punkt scheint man sich bei allen kleineren Straßenbahnbetrieben in Ostdeutschland einig zu sein: Wenn man heute über die Frage entscheiden müsste, die Straßenbahn neu in der – maximal rund 100.000 Einwohner zählenden – Stadt einzuführen, würde es dafür wohl keine Mehrheiten geben. Aber momentan erfüllt die Straßenbahn trotz mancherorts inzwischen dünner Takte und zeitiger Betriebsschlüsse in den betroffenen Regionen ihre Verkehrsaufgaben gut und man ist froh, dass man sie hat. Wichtiger noch: Der Rückhalt für das Verkehrsmittel von Seiten der Bevölkerung ist überall vorhanden und derzeit ist davon auszugehen, dass alle »kleinen« Straßenbahnen auf absehbare Zeit weiter fahren werden! Kein »Domino-Effekt« durch den Fall Cottbus
Allerdings haben die vor wenigen Monaten aus Cottbus kommenden Nachrichten, die Straßenbahn möglicherweise ganz abzuschaffen, manchen Politiker aufhorchen lassen. Einsparmöglichkeiten werden dringend gesucht. Wer jedoch damit gerechnet hatte, Cottbus würde die Stadt sein, die nach der Wende (angeblich kostensparend) als erste ihre Straßenbahn abschaffen würde, der erlebte Anfang April eine kräftige Überraschung: Aller Voraussicht nach wird die Cottbuser Straßenbahn nämlich langfristig weiter fahren, wahrscheinlich jedoch auf Kosten einer »Netzanpassung« (Seiten 28 – 32 in diesem Heft).

Der durchaus befürchtete »Domino-Effekt« einer Betriebsstilllegung mit Vorbildwirkung auch für andere kleine Straßenbahnbetriebe in Ostdeutschland bleibt also aus, und in der Tat scheinen die Debatten um die Zukunft der kleinen Straßenbahnbetriebe mittlerweile weitgehend positiv entschieden.

Weniger Einwohner, weniger Fahrgäste

Das ist alles andere als selbstverständlich, denn die kleinen Betriebe leiden besonders unter der demografischen Entwicklung. Das umschreibt jenen Teufelskreis mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen, dem Wegzug von Menschen im »besten Alter« und dem Sinken der Kinderzahlen bei gleichzeitiger Überalterung der Bevölkerung. Eine geringere Inanspruchnahme der städtischen Infrastruktur bei gleichbleibenden Kosten ist die Folge: Leer stehende Häuser, leere Schulen und zu wenig nachgefragte sonstige städtische Einrichtungen erzwingen einen Schrumpfungsprozess, der nicht immer in solch geregelten Bahnen verläuft wie in Gera oder Jena.

Wenn parallel dazu auch die »Beförderungsleistungen« weniger nachgefragt werden ertönt schnell der Ruf nach dem angeblich flexibleren Bus gegenüber der infrastrukturell fester gebundenen und kostenmäßig trägeren Straßenbahn. Und mit dem Abbruch von Hochhäusern in den Großsiedlungen wird mancherorts den sie erschließenden Straßenbahnstrecken regelrecht die »Lebensgrundlage« entzogen.

In Frankfurt/Oder-Markendorf oder Brandenburg-Hohenstücken beispielsweise künden üppig dimensionierte Gleisanlagen noch heute davon, welche Nachfrage hier einst zur Hauptverkehrszeit herrschte. Schon lange verliert sich dort selten mehr als ein einzelnes Fahrzeug. Vor allem  kann heute das System Straßenbahn seinen spezifischen Vorteil, mit langen Fahrzeugeinheiten viele Menschen mit geringem Aufwand zu befördern, nur noch eingeschränkt ausspielen. Auch die an sich erfreuliche Entwicklung, dass nun viele Menschen von den Plattenbauten in die umliegenden Gemeinden oder in sanierte Altbauwohungen im Stadtkern umziehen können, nimmt der Straßenbahn Fahrgäste.

Schon lange ist bekannt, dass bei betriebswirtschaftlicher Rechenweise die Straßenbahn gegenüber dem Bus benachteiligt ist. Muss erstere viel systemspezifische Infrastruktur (Gleise, Fahrleitung, Werkstätten) und die entsprechend ausgebildeten Fachkräfte vorhalten, nutzt der Bus einfach die ohnehin vorhandenen Straße, die von der Allgemeinheit bezahlt wird. Bei geringer Netzgröße und niedrigen Fahrgastzahlen wirken sich die Kosten für diese Infrastruktur besonders stark aus, weshalb bisher 20 bis 25 Kilometer Netzlänge als Mindestgröße für einen überlebensfähigen Straßenbahnbetrieb galten.

Lieber Bus als Straßenbahn?

Die Einsparmöglichkeiten bei den heute noch vorhandenen kleinen Straßenbahnbetrieben sind ausgereizt, und so erscheint ein reiner Busbetrieb oft auf den ersten Blick viel billiger. Erschwerend kommt hinzu: In manchen Bundesländer gilt Nahverkehr längst als »freiwillige Leistung«, während die Kommunen (insbesondere Halberstadt, Cottbus, Brandenburg, Gotha, Frankfurt, Plauen) selbst hoch verschuldet sind.

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