Tram-Aus in Cottbus?

Neues Gutachten sorgt für Diskussion. Cottbus ist keine Großstadt mehr. Nachdem die Einwohnerzahl unter die 100.000er-Marke rutschte, wird das Nahverkehrsangebot angepasst. Der Straßenbahn droht eine Netzreduzierung oder die Kompletteinstellung. Von Frank Muth/SM

Gegenwärtig verkehren in Cottbus vier Straßenbahnlinien auf einem Streckennetz von knapp 24 km Länge. Die »stärkste« Straßen­bahn­linie 4 verbindet im 10-Minuten-Takt die beiden Plattenbausiedlungen Neu Schmellwitz im Norden und Sachsendorf im Süden. Die Linien 2 und 3 verkehren im 15-Minuten-Takt, die Linie 1 im 20-Mi­nu­ten-Takt, allerdings nur noch an Werktagen. Im Abendverkehr nach ca. 20:30 Uhr fahren in Cottbus seit Jahren keine Straßenbahnen mehr, sondern nur noch Busse.

Auf den heute noch täglich 18 Straßenbahnkursen werden einheitlich 1997/98 umgebaute Tatrafahrzeuge mit Niederflurmittelteil vom Typ KTNF6 eingesetzt. Diese bieten in der Regel genügend Kapazität; ein Verstärkerverkehr findet nicht mehr statt. Einige der noch 26 vorhandenen Fahrzeuge werden bereits zum Verkauf angeboten, um die Reserve zu reduzieren. Für die Stadt Cottbus hat die Beratungsfirma ptv Planung Transport Verkehr AG Dresden insgesamt zwölf Varianten für den Nahverkehr in Cottbus untersucht und deren finanzielle Auswirkungen bis zum Jahr 2020 miteinander verglichen. Eine Kurzfassung mit den positiv ­bewerte­ten Varianten ist seit Februar 2009 online über die Internetseite der Stadt (www.cottbus.de) öffentlich einsehbar.

Keine Großstadt mehr

Das Gutachten basiert auf der Erwartung, dass sich die Einwohnerzahl in Cottbus bis 2020 auf 87.300 Einwohner reduziert haben wird. Zählte man zur Wende 1989 über 128.000 Einwohner, so sind es aktuell nur noch 99.990 Einwohner. Damit hat Cottbus im Januar 2009 auch seinen Status als Großstadt verloren, was zu Redu­zie­rungen bei Mittelzuweisungen führt und die finanzielle Lage in der schrumpfenden Stadt weiter verschärft. Entsprechend wer­den die Stadtstrukturen insgesamt an­ge­passt. Nachdem die Fahrgastzahlen bei Cottbusverkehr in den letzten vier Jahren demografisch bedingt um 17 Prozent zurückgegangen sind, erwartet das Gutachten bis 2020 einen Rückgang um weitere 16 Prozent. Wenn sich die Fixkosten nicht reduzieren, erfordert der ÖPNV bei den entsprechenden Einnahmerückgängen ei­nen höheren jährlichen Zuschussbedarf. Unter diesem Aspekt ist er nun anzu­pas­sen. Untersucht wurden Kosten und Qua­lität verschiedener Szenarien, von denen die Online-Fassung drei aufzeigt: eines mit noch drei Tramlinien, ein weiteres mit nur noch zwei Tramlinien und ein drittes, bei dem der Straßenbahnbetrieb komplett aufgegeben wird. Stellte man nur die weniger nachgefragten Strecken nach Schmellwitz, Anger und zur Jessener Straße ein, dann könnten künftig drei Linien (alle wieder im 10-Minuten­Takt!) fahren und Cottbus bekäme damit sogar ein besseres ÖPNV-Angebot als heute. Dafür wären einmalige Kosten von 44,13 Mio. Euro nötig. Diese setzen sich zusammen aus 34,2 Mio. Euro für neue Straßenbahnen, rund 6 Mio. Euro für neue Busse, der Rest entfällt auf Infrastrukturinvestitionen, Fördermittelrückzahlungen und Rückbaukosten. Der jährliche Zuschussbedarf wäre bei dieser Variante aber jährlich 1,03 Mio. Euro höher als heute.

Bald nur noch zwei oder drei Straßenbahnlinien?

Würde man zusätzlich die Strecken nach Ströbitz und Madlow einstellen, dann würde nur noch eine Linie von Neu-Schmellwitz zum Bahnhof über den Stadtring und eine Linie von Sachsendorf über die Bahnhofsstraße nach Sandow verkeh­ren (jeweils im 10-Minuten-Takt). Dies wäre die kostengünstigste Lösung mit Straßen­bahn. Dafür wären laut Gutachten folgende einmalige Kosten bis 2020 nötig: 19,8 Mio. Euro für ca. zehn neue Straßenbahnfahrzeuge, 6,56 Mio. Euro für neue Busse, 660.000 Euro für neue Infrastruktur und 11 Mio. Euro für Fördermittelrückzahlungen und Rückbaukosten, zusammen also rund 38 Mio. Euro. Der Zuschussbedarf läge 2020 bei der Straßenbahn dann bei 2,16 Mio. Euro und beim Buszweig bei 3,75 Mio. In der Summe müsste die Stadt jährlich eine halbe Mio. Euro weniger an Cottbusverkehr überweisen als heute. 

Kompletteinstellung der Straßenbahn vorgeschlagen

Die von der Firma ptv vorgestellte reine Buslösung geht davon aus, dass sich am tatsächlichen Bedarf orientierte Buslinien überlagern und so auf den Hauptabschnitten (wieder) einen 10-Minuten-Takt bieten. Laut ptv entstehen dabei einmalige Kosten in Höhe von 46,59 Mio. Euro. In dieser Summe sind 20,97 Mio. Euro an Rückzahlungen der För­­dermittel enthalten, mit denen die Straßenbahn seit der Wende saniert und mo­der­nisiert wurde – in den Medien wurden allerdings auch Rückzahlungssummen von 26 bzw. sogar 38 Mio. Euro genannt. 15,06 Mio. Euro müssten außer­dem aufgewandt werden, um die Straßen­bahn zurückzu­bau­en und einen Teil des Betriebshofes an den reinen Busbetrieb anzupassen. Schließlich müssten 10,55 Mio. Euro in neue Busse investiert werden.

Seiten

Fotos: 
siehe Bildunterschrift
Tags: 
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Der Mensch als Fehlerquelle?

"Ich war doch nur ganz kurz abgelenkt“, zitieren zahlreiche Unfallprotokolle in ganz Deutschland die Fahrer von Stadt- und... weiter

Freiburg vor dem Generationswechsel - Gnadenfrist für die letzten sechs GT8K bis 2017

Die VAG in Freiburg bekommt gerade sechs Niederflurwagen von CAF geliefert – trotzdem mustert sie die letzten sechs hochflurigen GT8K nicht aus. Sie m&... weiter

Wirklich sicher?

Hat er seinen Tod fahrlässig in Kaufgenommen? Noch immer ermittelt die Dortmunder Staatsanwaltschaft, wieso am Pfingstwochenende ein 20-Jähriger zwischen zwei als...

weiter

Das könnte Sie auch interessieren