Schminke für 85-Jährige

Mailands Peter-Witt-Wagen weiter im Einsatz: Die in Italien „Tipo 1928“ genannten urigen Vierachser erstrahlen aktuell in beige/gelbem Neulack und werden nun verstärkt als Werbeträger genutzt. Seit 85 Jahren stehen sie im täglichen Linien betrieb und ein Ende der Ära ist nicht in Sicht.

Im deutschen Sprachraum werden die Mailänder Altwagen meist nach ihrem US-amerikanischen Konstrukteur als „Peter-Witt-Wagen“ bezeichnet. In ihrer Heimat heißen aber „Tipo 1928“, „Ventotto“ (achtundzwanzig) oder einfach „Carrelli“ (Drehgestellwagen).

Die ursprünglich 502 Exemplare umfassende Serie wurde in der Vergangenheit immer mehr durch Neuwagen zurückgedrängt. Zuletzt 125 Wagen der AnsaldoBreda-Niederflurbauarten „Sirio“ und „Sirietto“.

Seit 2011 sind rund 140 „Tipo 1928“ einsatzbereit. Etwa die Hälfte davon kann man auf den Linien 1, 5, 19, 23 und 33 im täglichen Einsatz beobachten. Diese Linien eignen sich besonders gut für den Einsatz der Vierachser, da sie weniger nachgefragte Verbindungen herstellen.

Bei Intervallen von sechs bis zehn Minuten reicht das Fassungsvermögen der Fahrzeuge gut aus. Die Linie 1 (Greco – Piazza Castelli) ist eine Durchmesserlinie und fährt teilweise parallel zur U-Bahnlinie M3 ins Stadtzentrum.

Die Radiallinie 23 (Piazza Fontana – Lambrate) beginnt direkt hinter dem Dom und wechselt auf der Fahrt zum Bahnhof Lambrate die Achse. Bei den Linien 5 (Ortica – Ospedale Maggiore), 19 (Porta Genova – Cacciatori delle Alpi) und 33 (Piazzale Lagosta – Lambrate) handelt es sich um Tangentiallinien, die Verbindungen zwischen Außenbezirken ohne Berührung des Stadtzentrums herstellen.

Gelb statt Orange

Im Jahre 2007 fassten die Stadtväter und der Verkehrsbetrieb ATM den Entschluss, die mittlerweile zu einem Wahrzeichen der Stadt avancierten Wagen auf längere Sicht weiterhin einzusetzen.

Der anonyme und seit den 1970er-Jahren in Italien für Fahrzeuge des Nahverkehrs verwendete Farbton Orange sollte aber nun einer gediegeneren Lackierung weichen. Man entschied sich für die Farben Gelb und Beige.

Mittlerweile besitzen alle für den Liniendienst vorgesehenen Wagen beige/gelben Neulack. Seit 2013 sind auch stets bis zu einem Dutzend „Ventotto“ mit verschiedenfarbigen Vollwerbungen beklebt.

Der Einsatz der Werbewagen erfolgt vornehmlich auf der Linie 1, die auf ihrer Fahrt durch das Stadtzentrum die Botschaften einem großen Personenkreis zugänglich macht.

Holzbänke und Lampenschirme

Seit 2010 führt die Hauptwerkstätte Teodosio umfangreiche Ausbesserungen an den Vierachsern durch. Die Wagen besitzen nun einen Apparateschrank an der Fahrerplatz-Rückwand und gemeinsam mit den installierten Plexiglas-Elementen ergibt sich ein nahezu komplett vom Fahrgastraum abgetrennter Arbeitsplatz für den Fahrer.

Besonderes Augenmerk wird auf die Verwendung von originalgetreuen Teilen gelegt. Das zeigt sich bei den neuen Holzsitzbänken genauso wie bei den aus Glas hergestellten Lampenschirmen der Fahrgastraum-Beleuchtung.

Für einen raschen Fahrgastwechsel sorgen die pneumatisch bedienten Türen, die sich bereits vor dem Stillstand des Fahrzeuges zentral vom Fahrerplatz aus öffnen lassen. Den Schließvorgang leitet der Fahrer mitunter erst nach der Abfahrt ein.

Wie aus den Reaktionen der zahlreich mitfahrenden Touristen zu erkennen ist, ist die Fahrt mit einem „Ventotto“ jedenfalls nicht nur für Straßenbahnfreunde ein Erlebnis der besonderen Art.

Von: WOLFGANG KAISER

Ein Artikel aus  STRASSENBAHN MAGAZIN 01/15.

 

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