Mit der Tram zu »Mae West«

Münchens Straßenbahnnetz wächst weiter. Neben Neubaustrecken wie nach Sankt Emmeram wird auch das Angebot auf den stark frequentierten Linien verbessert. Doch ein Problem wird mindestens bis Ende 2011 bleiben: Der akute Wagenmangel. Neben zehn neuen Variobahnen werden derzeit auch 50 der ersten ­Niederflurwagen des Typs R 2.2 runderneuert. Von Peter Schricker

Die Szene erinnerte an das Jahr 1994: Ein nagelneu aussehender R 2.2-Wagen rollt aus der Halle des Betriebshofs Einsteinstraße – diesmal war aber er ganz in Blau (statt in Weiß-Blau), trug die Nummer 2121 (statt 2101) und hatte gute 15 Jahre Betriebsdienst auf dem Buckel. Damals luden die Stadtwerke Verkehrsbetriebe zum festlichen Roll-out des ersten Fahrzeugs vom Typ R 2.2. Nun, 16 Jahre danach, präsentiert die Münchner Verkehrsgesellschaft MVG im Betriebshof Einsteinstraße den ersten modernisierten R 2.2-Wagen. Seit sich dieser Wagentyp auf Münchens Gleisen bewegt, geht es mit der Münchner Trambahn fast wieder unaufhaltsam aufwärts. Die 70 bis 1997 in Betrieb genommenen, dreiteiligen Fahrzeuge läuteten eine neue Straßen­bahn­ära ein: Mit diesem, auch von anderen Betrieben angeschafften Typ begann das Zeitalter der Niederflurfahrzeuge, sieht man von den drei Vorserienfahrzeugen (R1.1, Nummern 2701 bis 2703) ab, mit denen man in der bayerischen Landeshauptstadt ab 1990 die Betriebstauglichkeit derartiger Straßenbahnfahrzeuge testete.

Fast eine Wiedergeburt

Die Stadträte ahnten bei ihrem Beschluss im Jahr 1992 nicht, welche Renaissance der Tram bevorstand. Die neuen Fahrzeuge und die Beschleunigungsmaßnahmen ließen die Sympathiewerte für das schon totgesagte Verkehrsmittel rasch ansteigen. Bereits Ende der 1990er-Jahre zeichnete sich ab, dass das Platzangebot der dreiteiligen Züge nicht ausreichen werde. Als die Fahrgastzahlen der Tram im Jahr 2004 die stolze Zahl von 83 Millionen erreichten und bis 2009 auf 94,5 Millionen pro Jahr stiegen (was knapp einem Fünftel der Fahrgäste der MVG-Verkehrsmittel entspricht), musste die MVG handeln. In der Emmy-Nöther-Straße, dem Sitz der Verwaltung, überlegte man sich mehrere Optionen: Favorisiert wurde die Erweiterung eines Teils der Züge um ein viertes Wagenteil, als Alternative erwog man, motorisierte Beiwagen anzuschaffen. Option 3 lautete: Bestellung neuer Züge. Da sich Variante 1 in wirtschaftlich vertretbarer Form nicht realisieren ließ, die Beiwagenlösung ebenfalls wegen zu hoher Kosten ausschied, beschloss man im Jahr 2008 die Beschaffung von zehn Variobahnen, mittlerweile hat man auf 14 Stück erhöht. Damit war aber das Problem mit den R2.2-Wagen, deren Gesamtzahl sich aufgrund von Unfällen mittlerweile auf 68 reduziert hat, nicht gelöst. Da die zuverlässigen Wagen mit 80.000 Kilometern Laufleistung pro Jahr noch circa 20 Jahre durch die Stadt rollen sollen, entschloss sich die MVG, 50 Exemplare grundlegend zu überholen. Das ist aufgrund der sehr geringen Schäden an den korrosionsträgen Wagenkästen und der intakten elektronischen Ausrüstung auch wirtschaftlich vertretbar. So kann sich die Modernisierung auf die technischen und betrieblichen Schwachstellen konzentrieren sowie das Erscheinungsbild verbessern. Mit der insgesamt 16 Millionen Euro teuren Erneuerung sind die Firmen Vossloh Kiepe und IFTEC (ein Tochterbetrieb der Leipziger Verkehrsbetriebe) beauftragt; die Arbeiten werden am IFTEC-Standort in Leipzig-Heiterblick ausgeführt. Pro Monat halten sich dort zwei Einheiten auf; Ende 2011 ist das Programm abgeschlossen. Wie ein Firmenvertreter bei der Vorstellung des ersten modernisierten Wagens (Wagennummer 2121) am 17. Mai 2010 ausführte, bedeutet in finanziell angespannten Zeiten Modernisierung von Fahrzeugen für die Fahrzeugindustrie das Geschäft der Zukunft.

Modernisierung für weitere 20 Einsatzjahre

Folgende Maßnahmen werden im Einzelnen durchgeführt: Die Holzfußböden leiden unter immer wieder eindringender Feuchtigkeit und werden durch einen speziellen Kunststoffaufbau ersetzt. Die glasfaserverstärkte Innenverkleidung weist deutliche Abnutzungserscheinungen auf, an ihre Stelle tritt eine neue Seitenverkleidung aus Edelstahl. Der im Kontrast dazu dunkle Fußbodenbelag, geschwungene Haltestangen, knallgelbe Haltegriffe an den Sitzen, der Verzicht auf gläserne Trennwände sowie durchgehende Leuchtbänder an der Decke verleihen dem Innenraum eine dynamische Leichtigkeit, die durch die elegant geschwungenen Sitzlehnen noch gesteigert wird. Verantwortlich für die ansprechende Ästhetik zeichnet das Designerbüro »ergon3«.  Optisch gewinnt der Innenraum auch durch die neuen Türen an Größe. Die bisher verwendeten Außenschwenktüren, ohnehin technisch veraltet, kosteten durch ihre ausladende Mechanik gerade im Einstiegsbereich viel Platz. Jetzt weichen sie modernen Schwenkschiebetüren. Eine neue Anordnung der Bestuhlung vermindert zwar das Angebot an Sitzgelegenheiten um vier Plätze, schafft aber mehr Komfort durch mehr Beinfreiheit.

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