Mainz: Mit Pferden, Dampf und Strom

125 Jahre Straßenbahn in Mainz – Im September 1883 fuhr die erste Pferdebahn in Mainz. Das Netz wuchs rasch, Dampfbahnen erschlossen die Vororte und über den Rhein rollte die Straßenbahn nach Wiesbaden. Nach großen Stilllegungen verblieb nach 1965 nur ein Rumpfnetz, dessen Bestand nun aber gesichert scheint. (Text: Bernhard Martin)

Am 27. September 1883 nahm die erste meterspurige Mainzer Pfer­de­bahnlinie vom Gartenfeld (heu­te: Feldbergplatz) über den Bou­levard (heute: Kaiserstraße), die Große Bleiche, den Münsterplatz, den Schillerplatz, das Höfchen und die Augustinerstraße zum Neutor den regulären Betrieb auf. Sie wurde von der Berliner Firma Marcks & Balke betrieben. Diese Linie wurde am 13. April 1884 nach Weisenau verlängert. Im gleichen Jahr wurden noch weitere Pferdebahnstrecken in der Innenstadt in Betrieb genommen. Am 15. Oktober 1884 wurde der Eisen­bahnverkehr in Mainz neu geordnet: Die alten, getrennten Bahnhöfe am Rheinufer für die Strecken nach Bingen und Worms ersetzte ein neuer Hauptbahnhof am westlichen Innenstadtrand, der natürlich auch Pferdebahnanschluss erhielt. Mit der Fertigstellung einer festen Straßenbrücke über den Rhein ging 1886 eine Pferdebahnstre­cke in den rechtsrheinischen Stadtteil Kastel in Betrieb. 1898 fuhren die ersten Pfer­de­bahnen über die Rheinallee in die Neustadt.

Damit erreichte das Pferde­bahn­netz eine Streckenlänge von 9,8 km. Zwei Drittel der Strecken waren zweigleisig ausgebaut. Das Depot befand sich nahe der Station Gartenfeld. Um die Jahrhundertwende standen für den Verkehr 100 Pferde, zehn offene und 24 geschlossene Wagen zur Verfügung.

Die Dampfstraßenbahn

Der Mainzer Stadtrat erteilte 1888 dem Konsortium aus der Bank für Handel und Industrie und dem Eisenbahnunternehmer Hermann Bachstein eine Konzession zum Bau und Betrieb dampfbetriebener, meterspuriger Vorortbahnen nach Hechtsheim, Bretzenheim, Gonsenheim und Finthen für den Transport von Personen, Stückgut und Gepäck. Die Eröffnung der ersten Linie fand jedoch erst am 12. August 1891 statt. Der Grund für diese Verzögerung war die teilweise parallele Streckenführung von Dampf- und Pferdebahn in der Innenstadt. Dieses Problem wurde schließlich durch eine gemeinsame Betriebsführung der beiden Bahnen durch das Bachstein’sche Konsortium gelöst.

Die erste Vorortlinie führte vom Fischtor über die Rheinstraße, die Große Bleiche, den Münsterplatz (unter Umgehung des Hauptbahnhofs), das Binger Tor, das Depot Kirchhöfe und Zahlbach zur Lindenmühle, wo sich die Strecke in die Äste nach Bret­zen­heim und Hechtsheim verzweigten. Ein Jahr später wurde die zweite Linie von den Kirchhöfen nach Gonsenheim und Finthen eröffnet.

1895 gründeten Hermann Bachstein und sein Konsortium die Süddeutsche Eisenbahn-Gesellschaft (SEG) mit Sitz in Darmstadt. In Mainz betrieb die SEG sowohl die Dampf- als auch die Pferdebahn.

Elektrifizierung

Trotz der gemeinsamen Betriebsführung kam es immer wieder zu Unstimmigkeiten zwischen der SEG und der Mainzer Straßenbahn AG, der Eigentümerin der Pferde­bahn. Daher kaufte der Stadtrat am 1. April 1904 die Pferdebahn, um sie in Eigenregie zu elektrifizieren. Sieben Monate später wurde das Straßenbahnamt gegründet.

Doch es war die SEG, die bereits am 30. März 1904 die erste elektrisch betriebene Mainzer Straßenbahnlinie eröffnete. Diese verlief von der Stadthalle über die Rheinbrücke nach Kastel, Amöneburg und Biebrich, wo Anschluss an die Wiesbadener Straßenbahn bestand.

Dreieinhalb Monate später fuhr am 15. Ju­li 1904 auch die erste städtische Elektrische vom Höfchen über den Schillerplatz zum Hauptbahnhof und von dort über eine Neubaustrecke durch die Boppstraße, den Kaiser-Wilhelm-Ring, den Bismarckplatz und die Hattenbergstraße nach ­Mombach. Am 1. September 1904 war die Rundbahn Hauptbahnhof – Kaiserstraße – Rhein­allee – Brückenkopf – Rheinstraße – Markt – Höfchen – Schillerplatz – Hauptbahnhof ebenso elektrifiziert wie die Strecke Neu­­brunnenplatz – Neubrunnenstraße – Kai­serstraße/Ecke Boppstraße.

Die Elektrifizierung der Pferdebahnstrecken konnte am 1. Januar 1905 mit der Strecke nach Kastel abgeschlossen werden. Das Netz hatte nun eine Streckenlänge von 14,8 Kilometer.

Das neue Depot der städtischen Elektrischen war das »Straßenbahnamt« am Kaiser-Karl-Ring am Nordrand der Neustadt. Neben der Wagenhalle und der Hauptwerkstatt befand sich dort auch ein dreigeschossiges Verwaltungsgebäude.

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