Einmal Ritten und zurück

Zum Abschluss seines Jubiläumsjahres hat sich für den Verein Stuttgarter Historische Straßenbahnen ein Wunsch erfüllt: Nach 30 Jahren bei der Rittnerbahn ist der Triebwagen 13 der Straßenbahn Esslingen – Nellingen – Denkendorf Ende 2012 nach Württemberg zurückgekehrt
Im Vorgriff auf geplante, aber nicht realisierte Netzerweiterungen beschaffte die meterspurige Straßenbahn Esslingen – Nellingen – Denkendorf (END) 1958 von der Maschinenfabrik Esslingen je zwei vierachsige Großraum-Trieb- und Beiwagen mit einheitlichen Abmessungen.

Die Frontgestaltung und das Interieur erinnerten an die Stuttgarter Zweiachs-Tw der Reihe 700 von 1954, die allerdings 40 cm schmäler waren. Die mit vier AEG-Fahrmotoren à 149 kW Leistung ausgestatteten Tw erhielten die Betriebsnummern 12 und 13, die Bw wurden unter den Nummern 36 bzw. 37 eingereiht.

Die sogenannten Neubauzüge blieben die einzigen modernen Fahrzeuge der topographisch anspruchsvollen Überlandbahn zwischen Neckartal und östlicher Filder. Das übrige Rollmaterial stammte größtenteils aus den 1920er-Jahren. Am 28. Februar 1978 stellte die END den Schienenverkehr ein.

Die anschließend im Depot Nellingen verwahrten Neubauzüge konnten 1981 über die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB), einem Mitgesellschafter der END, an die Gemeinde Ritten (Autonome Provinz Bozen in Südtirol) veräußert werden. Mit dem Kauf der gut erhaltenen Fahrzeuge hoffte die Kommune, die damalige Betreibergesellschaft der Rittnerbahn, die FEAR, zum Beibehalt des seit Jahren infrage stehenden Schienenverkehrs bewegen zu können. Zweites »Leben« in Südtirol
Im September 1982 wurden beide Triebwagen per Tieflader in die SSB-Hauptwerkstatt Möhringen überstellt und gewartet, um wenig später im Beisein einer Delegation aus Südtirol Proberunden auf dem Betriebsgelände zu drehen. Ende November gelangten alle vier Fahrzeuge per Straßentransport in ihre neue Heimat, die Beiwagen direkt von Nellingen aus. Bis zur Sicherung des Fortbestandes der Rittnerbahn sollten noch Jahre vergehen.

Lange Zeit verließen die früheren END-Triebwagen die Remise nur ganz vereinzelt zu Probe- und Bewegungsfahrten. Erst zwischen 1989 und 1992 wurde Tw 12 gründlich überarbeitet, den italienischen Normen angepasst und in Orange/Silber – den Hausfarben des neuen Betreibers SAD – lackiert.

Das Schwesterfahrzeug sollte seinem Beispiel folgen. Erste Teile, darunter die Dachwiderstände und die Drehgestelle, waren bereits überholt und die Bestuhlung komplett entfernt, als die Maßnahmen abgebrochen wurden. Ein Grund hierfür war der Unfalltod des Betriebsleiters, ein anderer die veränderte Wahrnehmung der Rittnerbahn durch die Bevölkerung und die Touristen. Der Charakter einer alt-österreichischen Lokalbahn sollte nun nach Möglichkeit gewahrt bleiben.

Auch erforderte der damalige Fahrplan nicht zwingend einen weiteren Triebwagen. Fast zwei Jahrzehnte lang trug Tw 12 unter seiner alten Betriebsnummer die Hauptlast des Verkehrs, unterstützt durch die Veteranen aus der Zeit der k. u. k. Monarchie. Tw 13 blieb die Rolle des Ersatzteilspenders.

Generationenwechsel am Ritten
Die beiden Beiwagen, mit denen man auf dem Ritten wenig anzufangen wusste, teilten sein Schicksal. Aus Platzgründen im Freien abgestellt, rosteten sie vor sich hin und fielen schließlich Ende 2009 dem Schneidbrenner zu Opfer.

Im selben Jahr machte das mittlerweile wirtschaftlich solide aufgestellte Unternehmen einen bedeutenden Schritt in Richtung Zukunft: Von den Appenzeller Bahnen im schweizerischen Herisau konnten die Pendelzuggarnituren BDe 4/8 Nr. 21 und 24 (ex Trogenerbahn) erworben werden – Voraussetzung für den Halbstundentakt, der 2011 eingeführt wurde. Während Tw 12 als Reserve ins zweite Glied rückte, drohte Tw 13 das endgültige Aus.

Doch der Verein Stuttgarter Historische Straßenbahnen (SHB) hatte frühzeitig Kontakte geknüpft und sich um die Übernahme dieses technik- wie heimatgeschichtlich bedeutenden Sachzeugen beworben.

Den Verantwortlichen der Rittnerbahn gefiel die Vorstellung, dass das Fahrzeug in gute Hände kommt und dauerhaft erhalten bleibt. Allerdings wollte man auf Nummer Sicher gehen und den Wagen erst nach Eintreffen eines dritten Zuges aus Herisau abgeben. Beim Verein SHB konnte man mit diesen Aussichten gut leben. Die Heimkehr
Bevor die beiden Beiwagen zerlegt wurden, erhielten die Stuttgarter Museumsaktiven Gelegenheit, noch verwendbare Kleinteile und Mobiliar zu bergen. Ein Drehgestell des Bw 36 gelangte ebenfalls zurück an den Neckar und ist heute in der Straßenbahnwelt ausgestellt.

Im Herbst 2012 musste plötzlich alles sehr schnell gehen. Grund waren bevorstehende Baumaßnahmen der Rittnerbahn, verbunden mit empfindlichem Platzmangel. In Oberbozen entsteht eine neue Betriebswerkstatt, während in Klobenstein die Wagenhalle vergrößert wird.

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