Die Kleinste der Kleinen

Die Straßenbahn in Rheineck am Bodensee: Sie fuhr im Zentrum Europas, in einer wirtschaftlich, kulturell, touristisch erschlossenen Gegend – und blieb doch weithin unbekannt. Heute ist sie fast vergessen. Von Jörg Zimmer

Der Luftkurort Walzenhausen, 300 Meter über dem Bodensee gelegen, plante seinen Bahnanschluss zunächst an die Zahnradbahn im benachbarten Heiden. Dies stellte sich aber als zu aufwendig heraus und so kam es zur »kleinen Lösung«: 1896 wurde eine mit Wassergewicht betriebene, 1.256 Meter lange Standseilbahn hinunter zum See eröffnet. Leider konnte diese aus topographischen Gründen nicht bis zum Bahnhof Rheineck geführt werden. Ihre Talstation »Ruderbach« lag 700 Meter vom Bahnhof entfernt, die Distanz wurde zu Fuß oder mit einem Mietfuhrwerk überbrückt.
Aber schon bald empfanden viele der mit Gepäck anreisenden Kurgäste diese Situation als Zumutung. Abhilfe schaffte schließlich Ende 1909 eine Straßenbahn zwischen Talstation und Bahnhof – als einzige Tram in der Schweiz normalspurig. Mit einer Streckenlänge von nur 672 Meter und einem »Wagenpark« von zwei Triebwagen war sie, abgesehen von der reinen Touristentram auf der Riffelalp, die kleinste öffentliche Straßenbahn Europas, vielleicht sogar der Welt.

Der erste Tram-Trein?
Die zweiachsigen Tw 1 (Baujahr 1909) und Tw 2 (Baujahr 1910) kamen von der SWS Schlieren. Sie waren 11,40 Meter lang und mit 2,96 Meter so breit wie Eisenbahnwagen. Sie besaßen je ein Personen- und Gepäckabteil. Zwar waren die Wagenkästen identisch, aber Tw 1 wurde von einem Saurer-Benzinmotor angetrieben, nur der Tw 2 fuhr elektrisch. Und nur für diesen einen Wagen wurde die zweipolige Drehstrom-Fahrleitung erbaut und unterhalten. Der Triebwagen verfügte über vier Rollenstromabnehmer.
Eisenbahnzug- und Stoßvorrichtungen ermöglichten die Beförderung von Eisenbahngüterwagen bis zur Talstation der Standseilbahn. Dort mussten alle Güter umgeladen werden, denn eine Güterwagenbühne wie z.B. bei der Oberweißbacher Bergbahn gab es nicht. Damit stellt die Rheinecker Tram einen Vorläufer moderner Regio-Stadtbahnen dar. Allerdings: Auf Eisenbahngleisen fahren durfte sie nicht.

Ablösung durch ­Zahnradbahn
49 Jahre lang, bis 1958, versahen die Rheinecker Straßenbahn und die Walzenhausener Standseilbahn ihren Dienst. Dann wurden beide durch eine neue bis zum SBB Bahnhof Rheineck durchgehende kombinierte Zahnrad- und Adhäsionsbahn ersetzt – unter Beibehaltung der seltenen 1.200-mm-Spur der ehemaligen Standseilbahn und Umspurung der normalspurigen Straßenbahnstrecke.Ausgestattet ist die RhW bis heute mit nur einem einzigen Zahnradtriebwagen. 24 mal am Tag pendelt dieser mit einer Fahrzeit von 6 Minuten zwischen Rheineck und Walzenhausen.
Jörg Zimmer

Ein Artikel aus STRASSENBAHN MAGAZIN 03/11.
Tags: 
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Der Mensch als Fehlerquelle?

"Ich war doch nur ganz kurz abgelenkt“, zitieren zahlreiche Unfallprotokolle in ganz Deutschland die Fahrer von Stadt- und... weiter

Freiburg vor dem Generationswechsel - Gnadenfrist für die letzten sechs GT8K bis 2017

Die VAG in Freiburg bekommt gerade sechs Niederflurwagen von CAF geliefert – trotzdem mustert sie die letzten sechs hochflurigen GT8K nicht aus. Sie m&... weiter

Wirklich sicher?

Hat er seinen Tod fahrlässig in Kaufgenommen? Noch immer ermittelt die Dortmunder Staatsanwaltschaft, wieso am Pfingstwochenende ein 20-Jähriger zwischen zwei als...

weiter

Das könnte Sie auch interessieren