Die »Kleene« ins »Jrüne«

Seit 1913 verbindet sie den Ort Woltersdorf am Rande der Hauptstadt mit der S-Bahn in Rahnsdorf. Heute dient die Bahn, die noch immer mit Zweiachsern fährt, nicht nur dem Ausflugsverkehr. Von Stefan Vockrodt
Einst bevölkerten Woltersdorf Bauern und Schiffer, die auf den brandenburgischen Seen im Osten Berlins ihren Geschäften nachgingen. Doch kurz vor der Wende vom 19. zum
20. Jahrhundert zogen besser gestellte Berliner aus der Stadt »ins Jrüne« und begannen den Schleusenberg zu besiedeln. Diese »Neu-Woltersdorfer« verlangten nach einer besseren Verkehrsanbindung nach Berlin – die aber fehlte.
Zwar gab es seit 1875 den Bahnhof in ­Erk­­ner, 2,5 Kilometer entfernt. Und 1910 nahm die benachbarte Schöneiche-Rüders­dorfer Kleinbahn (noch mit Benzoltriebwagen) den Betrieb auf. Woltersdorf drohte ins Abseits zu geraten. Dabei war der Ort schon um 1880 ein beliebter Ausflugsort der Berliner. Und es zogen immer mehr Neusiedler hierher, um 1900 entstand der heutige Ortsteil Schönblick.

Von der Schleuse in den Ort
Doch erst 1913 konnte die Woltersdorfer Straßenbahn, von Anbeginn an elektrisch, den Betrieb aufnehmen. Und natürlich verdankt es sich auch der Mangelwirtschaft der späteren DDR, dass wir Heutige den kleinen Betrieb besuchen und genießen können. Aber nicht nur, denn nach 1990 bewiesen Stadtverordnete und Betriebsleitung genug Weitblick, die arg abgefahrenen Gleise und auch den Wagenpark zu erneuern. Seit 1996 gehört der Betrieb dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg an. Die Woltersdorfer Straßenbahn fährt heute als Linie 87. Nachdem die kleine Bahn rund 40 Jahre lang durch größere Betriebe verwaltet und geführt wurde, erlangte sie 2004 wieder ihre Eigenständigkeit und ­gehört heute zu je 50 Prozent der Gemeinde Woltersdorf und dem Landkreis Oder-Spree.
Die nur 5,6 Kilometer kurze Strecke ist durchgehend eingleisig in Seitenlage trassiert mit insgesamt drei Ausweichen: Woltersdorf Thälmannplatz, Berliner Platz und Wald und den Kuppelendstellen in Woltersdorf, Schleuse und am Berliner S-Bahnhof Rahnsdorf.


Die Trasse durch die westlichen Ortsteile von Woltersdorf sowie durch den Staatsforst Friedrichshagen liegt auf eigenem Gleiskörper. Beginnen wir die Fahrt an der Endstation Woltersdorf Schleuse, einer klassischen Kuppelendstelle mit Umfahrgleis. Auf der von der Schleuse aus gesehenen rechten Seite liegend befindet sich noch das alte Wartehäuschen. Diese aus Rüdersdorfer Kalk errichteten Gebäude boten einen überdachten Unterstand – mit Bänken – für die wartenden Fahrgäste und waren ursprüng­lich an allen Haltestellen vorhanden. Heute gibt es davon noch drei: Neben dem an der Schleuse steht noch das Häuschen am Thälmannplatz und, seit Jahren jedoch ungenutzt, das an der Haltestelle Fasanenstraße.

Mal links, mal rechts am Straßenrand
Von der Schleuse aus fährt der Zweiachser-Tw auf einer leichten Steigung hinauf Richtung Ortszentrum. Dabei wechselt die Bahn mehrfach die Straßenseite. So wird die Haltestelle Krankenhaus am linken Rand angefahren, ebenso die Blumenstraße. Doch um von dort die enge und für diese Flachlandverhältnisse steile Kurve hinauf zur Rüdersdorfer Straße zu meistern, holt die Strecke einen weiten Bogen aus und fährt auf dem rechten Fahrbahnseite bergauf. Autofahrer müssen hier aufpassen, wollen sie nicht den hier sechsmal die Stunde entlangfahrenden Wagen in die Quere kommen. Vorbei an der Dorfkirche erreicht die Bahn den Thälmannplatz, wiederum am rechten Fahrbahnrand gelegen. Hier liegt der alte Betriebsmittelpunkt der Bahn, hier zweigt die kurze Stichstrecke zum Betriebshof ab, der 1913 eröffnet noch heute seine Funktion erfüllt und in dessen viergleisiger Wagenhalle auch die wertvollen Oldtimer untergebracht sind, die zu Sonderfahrten gerne und gut frequentiert verkehren.
Der Thälmannplatz ist eine wichtige Umsteigestation zu den Bussen, die Woltersdorf mit anderen Berliner Randgemeinden verbinden. Neben einem Ehrenmal aus DDR-Zeiten befindet sich die großzügige, zweigleisige Anlage. Zu den Bussen benötigt man etwa zwei Minuten Fußweg zum Rathaus.

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