Sicherheit statt Schnelligkeit

Bogestra: Die aktuellen Fahrzeugprobleme und deren Folgen

Wegen einer angerissenen Achsbrücke dürfen die 42 Bochumer NF6D seit Ende Januar nur noch Tempo 30 fahren. Das bringt den Fahrplan durcheinander – und erfordert kreative Lösungen, bis alle Wagen untersucht sind.

Alle 42 von der Bogestra als Typ NF6D geführten MGT6D von Siemens/Düwag aus den 1990er-Jahren, die zwischen Bochum, Gelsenkirchen und Herne unterwegs sind dürfen seit Ende Januar nur noch 30 fahren. Selbst im Tunnel, wo die NF6D normalerweise richtig „Stoff geben“ können

Die Ursache für diese Entscheidung ist so klein, dass man sie mit bloßem Auge kaum erkennen kann: Ein Haar-Riss in einer Achsbrücke eines Einzelrad-Einzelfahrwerks(EEF). Was dieses EEF genau ist, zeigt sich bei einem Blick unter die niederflurigen Sechsachser: Unter den beiden äußeren Wagenteilen sind normale Triebdrehgestelle mit jeweils zwei klassischen Achsen verbaut.

An dieser Stelle ist der Wagenboden eines NF6D etwas angehoben, deshalb bieten die Wagen den Fahrgästen auch nur einen Niederfluranteil von 70 Prozent. Im Mittelteilsieht die Sache anders aus – dort sind zwei EEF eingebaut.

Einfach ausgedrückt hat das EEF keine starre Achse. Die Einzelräderkönnen sich deshalb an den Bogenverlauf der Gleise anpassen. Das spart Gewicht und sollte den Verschleiß an Gleisen und Wagenverringern – die Realität sieht anders aus. Und ein Blick in die jüngste Vergangenheit zeigt, wieso die Bogestra jetzt mit so strikten Maßnahmen auf den Haar-Riss im EEF reagiert.

Entgleisung in Gelsenkirchen

Im August des Jahres 2014 entgleiste die NF6D im Bogestra-Gebiet im Gelsenkirchener Innenstadttunnel. Der Grund: eine gebrochene Achsbrücke am EEF. Alle 42 NF6D sind darauf hin in Abstimmung mit der Technischen Aufsichtsbehörde (TAB) untersucht worden.

Das Ergebnis: Zunächst keine Auffälligkeiten. Doch sehr aufmerksame Werkstattmitarbeiter der Bogestra nahmen bei einer Routineuntersuchung Ende Januar ein ungewöhnliches Geräusch wahr.

Hauptverdächtiger: das EEF. Und tatsächlich: Bei einer Untersuchung ist der winzige Haar-Riss in der Achsbrücke festgestellt worden.

„Durch den Riss steht das Rad einen Ticken anders, dadurch hört es sich einfach ausgedrückt auch anders an. Das haben die Kollegen sofort erkannt“, erklärt Arndt Hartmann, Fachbereichsleiter für Schienenfahrzeuge bei der Bogestra im Gespräch.

Tägliche Untersuchungen an EEF

„Sicherheit geht bei uns vor Pünktlichkeit“, ergänzt Bogestra-Sprecher Christoph Kollmann seinen Kollegen, „deshalb haben wir sofort die Höchstgeschwindigkeit für alle 42 NF6D auf 30 km/h gedrosselt.“

Natürlich ist diese Entscheidung von höchster Stelle abgesegnet. Die TAB hat der Bogestra bestätigt, dass mit 30 km/h ein sicherer Weiterbetrieb der Fahrzeuge möglich ist. „Bei 30 Stundenkilometern wird nicht nur das Material geschont, man würde auch besser hören, wenn sich die Geräusche an den EEF verändern“, erklärt Hartmann.

Sollte es trotzdem zu einem Bruch am EEF kommen, dann würde eine Entgleisung bei nur 30 km/h keine große Gefahr darstellen. Dass es soweit kommt, sei aber so gut wie unmöglich.

Denn seit der Haar-Riss gefunden wurde, wird jeder NF6D jeden Tag an den EEF auf Risse untersucht. Das Werkstatt-Team ist dazu in der Nacht extra verstärkt worden. Die Bauteile werden an sechs Stellen auf Schäden überprüft.

Und wenn es zu weiteren Problemen kommen sollte: „Fährt von diesen Wagen keiner mehr raus“, sagt Jörg Filter, der Betriebsleiter der Bogestra.

Fahrplan gerät aus dem Takt

Die meisten Fahrgäste hätten Verständnis für diese Sicherheitsmaßnahmen. Sie kämen lieber später, aber dafür sicher an ihr Ziel, so die Bogestra. Auch wenn die ersten Tage mit 30 Stundenkilometern für Chaos im Bochumer und Gelsenkirchener Straßenbahnverkehr gesorgt haben.

Verspätungen von bis zu 30 Minuten kamen durchaus vor. Am meisten betroffen sind die Linien 302, 308 und 318. Um den Fahrplan wenigstens einigermaßen einhalten zu können, hat sich die Bogestra dazu entschieden, den gewohnten Fahrzeugeinsatz auf allen Linien bis auf weiteres „über den Haufen“ zu werfen.

Notfallfahrplan mit geteilten Linien

Im Einzelnen sind zum 5. Februar folgende Änderungen in Kraft getreten: Die Linie 302 zwischen Bochum-Laer und Gelsenkirchen- Buer wird etwa auf der Hälfte der Strecke in Wattenscheid getrennt. Den Abschnitt von Gelsenkirchen nach Wattenscheid befahren seitdem Variobahnen.

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Fotos: 
Marcus Henschel, Christian Lücker
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