Auf dem Weg zum ­Niederflur-Revier

Die Bogestra investiert in Netz und Fahrzeuge. In Bochum und Gelsenkirchen ersetzen moderne Variobahnen die kapazitätsschwachen M6-Stadtbahnwagen. Von Michael Kochems

Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (Bogestra) erschließen mit einer normalspurigen Stadtbahn- und sechs meterspurigen Straßenbahnlinien in den Städten Bochum, Gelsenkirchen, Herne und Witten einen Siedlungsraum von rund 800.000 Menschen. Im Geschäftsjahr 2008 wurden inklusive Busverkehr 141,4 Mio. Fahrgäste befördert, was eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 1,9 Prozent bedeutet.

Für einen Betrieb dieser mittleren Größe sehr bemerkenswert sind Zahl und Größe der Modernisierungsprojekte bei der Straßenbahn, die in den vergangenen Jahren realisiert wurden, sich gerade in der Umsetzung befinden oder demnächst in Angriff genommen werden sollen. 2005 wurde in Bochum der neue zentrale Betriebshof Engelsburg eröffnet und Anfang 2006 folgte die Inbetriebnahme neuer Tunnelstrecken in der Bochumer Innenstadt, durch die alle zuvor noch oberirdisch durch das Stadtzentrum geführten Straßenbahnlinien in den Untergrund verlegt wurden.

Danach konnten weitere Projekte gestartet werden, dank derer vor allem Linienbeschleunigungen und bessere Erschließungen erreicht werden. Die größten Maßnahmen stehen dabei im Zusammenhang mit der Adaptierung des Meterspurnetzes für den freizügigen Einsatz von Niederflurbahnen. Dabei stehen die Linien 306 und 310 im Mittelpunkt, wo bislang ausschließlich die kurzen M6-Stadtbahnwagen zum Einsatz kommen.

Beschleunigung der Linie 306

Bald abgeschlossen ist der Ausbau der Linie 306, die von Bochum Richtung Nordwesten nach Herne-Eickel führt, wo sie am Bahnhof Wanne-Eickel endet. Die Gleise waren großteils sanierungsbedürftig und bisher gab es auf dieser Strecke noch einen längeren eingleisigen Abschnitt und einige weitere, ungünstige Trassierungen. Diese »Verspätungsfallen« führten dazu, dass die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Linie 306 bei nur 14 km/h lag; künftig werden es vor allem dank Ampelvorrangschaltungen und durchgehender Zweigleisigkeit 19 km/h sein. Im Rahmen der Beschleunigung wurde die Strecke auch fit gemacht für den Einsatz der neuen Variobahnen. Die Stationen erhielten dazu Niederflurbahnsteige und der Gleisabstand wurde an einigen Stellen vergrößert, um Begegnungsverbote aufzuheben. Flankierende Maßnahmen waren der Bau neuer Wartehäuschen, eine verbesserte Beleuchtung und eine bessere Zugänglichkeit der Haltestellen.

Weil entlang großer Teile der Verbindung auch die dort entlang führenden städtischen Abwasserkanäle dringend erneuert werden mussten, schloss sich die Bogestra mit den Städten Herne und Bochum zusammen, um mit einer gemeinsamen Planung Anzahl, Zeit und Kosten der Baustellen zu optimieren. Alles in allem werden rund 30 Mio. Euro investiert.

Sanierungen zwischen ­Bochum und Wanne-Eickel

Die Bauarbeiten begannen auf dem Gebiet der Stadt Herne bereits im April 2005, weshalb es seit nun über vier Jahren temporär immer wieder zu Fahrplaneinschränkungen, Fahrzeitverlängerungen oder Busersatzverkehren bei der Linie 306 kam. 2007 begann auch die Umsetzung der Maßnahmen auf Bochumer Gebiet. Die laufenden Bauarbeiten im Bereich der Riemker und der Eickeler Straße an der Stadtgrenze Bochum/Herne und zwischen Gabelsbergerstraße und Röhlinghauser Straße werden noch bis September dauern. Alle Restarbeiten an Umfeld und Straße sollen spätestens mit Jahresende 2009 angeschlossen sein.

Symbolisch eingeläutet wurde der Endspurt der Maßnahmen am 4. Mai 2009 mit der Jungfernfahrt einer Variobahn. Gesteuert wurde der Wagen bei dieser Präsentationsfahrt nacheinander von den beiden Oberbürgermeistern, die sich an der Stadtgrenze den Fahrthebel übergaben. Ab Herbst 2009 soll die moderne Triebwagengeneration dann die kurzen, oft überfüllten M6-Stadtbahnwagen auf der Linie 306 nach und nach ablösen.

Neue Führung zwischen ­Bochum und Witten

Seit dem Bau der Autobahn im Bereich der Stadtgrenze zwischen Bochum und Witten verläuft die Linie 310 auf einer Trasse mit »provisorischem« Charakter zwischen beiden Städten. Die idyllische Strecke ist größtenteils eingleisig und besitzt nur einen relativ geringen Verkehrswert, weil sie dort kaum Siedlungspunkte berührt. Daher musste folgerichtig über eine Vergrößerung des Einzugsgebietes nachgedacht werden, wenn die Linie eine langfristige Zukunft haben sollte. Als Lösung wurde eine neue Streckenführung unter Einbeziehung des Bochumer Stadtteils Langendreer erarbeitet, der noch keinen Straßenbahnanschluss besitzt. Wenn diese Planung wirklich umgesetzt wird –  zurzeit laufen die Arbeiten zur Planfeststellung – wäre dies die erste »echte« Neubaustrecke der Bogestra seit gut vierzig Jahren!

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