Alt und neu in Krakau

Polen: Bunter Betrieb in der alten Königsstadt. Neben polnischen Einheitswagen ­findet man in Krakau heute moderne ­Niederflur­wagen. Aber es fahren auch viele »Gebrauchte« aus Wien, Nürnberg und Düsseldorf. Von Wilfried Wunderlich
In Bezug auf Typenvielfalt gibt nur wenige schönere Paradiese als die Stadt Krakau im Süden Polens. Bei einem Land des ehemaligen Ostblocks denkt man natürlich an die Tatra-Triebwagen aus der CSSR. Doch in Polen gibt es einen eigenen Straßenbahn-Hersteller – Konstal, der heute zum Alstrom-Konzern gehört. Tatsächlich bilden die bis 1992 gebauten 194 Wagen der polnischen Type 105Na von Konstal nach PCC-Vorbild noch immer das Rückgrat des 86 Kilometer großen Krakauer Normalspurnetzes mit 25 Linien auf insgesamt 322 Kilometern Gleislänge.
Doch nach der Wende kamen viele ausgediente West-Straßenbahnen, darunter mehrere wohlvertraute Typen aus Nürnberg, Wien und (ab 2009) auch aus Düsseldorf. Schließlich kam auch schon vor dem Beitritt Polens zur EU (2004) Geld für Neubeschaffungen. Die Betreibergesellschaft MPK entschied sich für den Bombardier-Typen NGT6 (Flexity Classic), der ab 1999 in drei Bauserien ausgeliefert wurde. Eine vierte Bauserie wird für 2012 erwartet.

Bunt gemischt im Einsatz
Die verschiedenen Typen werden überwiegend gemischt eingesetzt, mit etwas Geduld kann man auf jeder der Ausfallstraßen innerhalb kurzer Zeit die meisten Typen sehen. Insgesamt werden zur Zeit neun verschiedene Wagentypen im Betrieb eingesetzt, davon einige mit verschiedenen Anstrichen oder Ganzreklame, so dass man auf über zwei Dutzend Varianten kommt. Daneben werden im Sommer noch gelegentlich die neun Museumswagen für Sonder- oder Touristenfahrten eingesetzt. Sie wurden in mühevoller Kleinarbeit von Straßenbahnfreunden seit 1992 in einem ehemaligen Depot aufgearbeitet. Darunter ist auch ein seltener Linke-Hoffmann-Busch Triebwagen von 1913. Informationen zu den Linien, Wagen auch zu der Museumslinie mit der Liniennummer Null finden sich auf der polnischen Wikipedia unter pl.wikipedia.org/wiki/Tramwaje_w_Krakowie (auch auf der englischen Wikipedia).

Betrachtet man die Einsätze genauer, so fällt auf, dass der robuste Typ 105Na noch immer auf den wichtigen Hauptlinien mit den niedrigen Liniennummern eingesetzt wird, auch wenn einzelne Wagen bereits ausgemustert sind. So ist die Linie 4 die wichtigste Ost-West-Ver­bindung und führt vom riesigen Stahlwerk Nowa Huta im ­Osten der 750.000 Einwohner zählenden Metropole zu den vornehmeren Wohnvierteln um Brunowice im Westen, mit einer Streckenlänge von fast 18 Kilometern. Warum das alte Design besonders im Winter so unverwüstlich ist, kann der Fahrgast leicht feststellen.
Winter ist natürlich nicht für jedermann ein Paradies, sondern selbst für die an Kälte gewohnten polnischen Autofahrer ein Graus: Es bilden sich Kilometer lange Staus auf den Zufahrtsstraßen. Dem Straßenbahnfahrer macht das kaum etwas, ein wenig paradiesische Schadenfreude kommt auf, wenn die Straßenbahn wie im Osten oder Norden der Stadt auf eigenem Gleiskörper an den sich stauenden Autos vorbeifährt. Sorgen bereiten dann nur Linksabbieger, die das Gleis versperren, und sich auch durch langes Klingeln nicht bewegen lassen, der Bahn den Weg freizugeben.

Schnee außen und innen
Ist gerade wieder frischer Schnee gefallen und wirbelt Flugschnee herum, der durch trampelnde Füße bis in den Innenraum getragen wird, kann es schon mal passieren, dass sich Schnee an der Stange der Falttür der deutschen Altbau-Typen ansetzt und sich die Tür partout nicht schließen lässt. Vielleicht ist auch der Auslöser, der ein Einquetschen von Fahrgästen verhindern soll, zu sensibel eingestellt, jedenfalls muss der Fahrer oder die Fahrerin die Türschließung mehrmals betätigen, bis die Tür endlich zugeht. Als an der nächsten Haltestelle das selbe Spielchen wieder beginnt, hilft schon mal ein frierender Fahrgast, die Tür endlich zuzudrücken, und die Bahn kann endlich anfahren.

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