125 Jahre Straßenbahn in Erfurt

1883 zogen erstmals Pferdebahnen ihre Spur durch die Domstadt. Nach der Elektrifizierung wuchs das Netz schnell an. Text: Teil 1 von S. Paschinsky/R. Glembotzky.

Das Bedürfnis nach einem innerstädtischen Nahverkehrsmittel entstand in Erfurt spätestens, nachdem die Stadt Ende der 1870er-Jahre von ihren Festungswällen befreit wurde. Jenseits der zuvor jahrhundertelang wachstumshemmenden Befestigungswälle entstand ein Band aus Wohn- und Industrieanlagen, der sogenannte Gründerzeitgürtel, der noch heute weitgehend sichtbar ist. Seit 1848 war die heutige Landeshauptstadt mit der Thüringischen Eisenbahn an das deutsche Bahnnetz angeschlossen. Der damalige Bahnhof lag am Südrand der Stadt, innerhalb der Stadtbefestigung; die beiden Streckengleise wurden dafür durch spezielle Tunnel geführt.

Die Pferdebahn

Im März 1882 fiel der Beschluss zum Bau einer meterspurigen Pferdebahn in Erfurt. Nach Konzessionserteilung begann im Februar  des Folgejahres der Bau. Pfingsten, genau am 13. Mai 1882, sollte das aus drei Linien bestehende Netz der »Erfurter Straßen-Eisenbahn« eröffnet werden. Jedoch verhinderten von der Aufsichtsbehörde festgestellte Mängel die Inbetriebnahme des vollständigen Netzes. Zunächst fuhren so nur die Rote und die Gelbe Linie, die Grüne Linie folgte drei Monate später. Die einzige bekannte Netzerweiterung vor der Umstellung auf elektrischen Betrieb erfolgte am nördlichen Ende der Roten Linie von der Haltestelle Johannesplatz (in Höhe der Einmündung Papiermühlenweg) in den bis 1912 noch selbstständigen Vorort Ilversgehofen hinein. Teile der Roten und der Grünen Linie verliefen nicht nur außerhalb des Stadtgebiets, sondern auch jenseits geschlossener Bebauung. Während der nördliche Vorort Ilversgehofen durch Größe und die Ansiedlung von Industriebetrieben ein wichtiger Nachfrageerzeuger war, erschloss die Grüne Linie eine wichtige Ausflugsgegend der Erfurter, den nördlichen Rand des Hauswaldes »Steiger«. Hier befindet sich übrigens noch heute die Endhaltestelle.

Elektrifizierung und starkes Wachstum

1893 erfolgte der Verkauf des Unternehmens an die Union Elektricitäts-Gesellschaft (UEG), die das Netz innerhalb nur weniger Monate elektrifizierte. Zwischen Juni (Rote Linie) und August 1894 (Grüne Linie) wurde das Gesamtnetz unter Beibehaltung der Spurweite auf die neue Antriebsform umgestellt. Dafür wurde am Depot ein eigenes, kohlebetriebenes Kraftwerk errichtet. Im Zusammenhang mit der Einführung des elektrischen Straßenbahnbetriebs wurde die Rote Linie im Norden zum Bahnhof Ilversgehofen (heute: Erfurt Nord) verlängert. Weiterhin erfolgten Erweiterungen der Gelben Linie in nördlicher Richtung bis um Auenkeller sowie im Süden unter den hochgelegten Eisenbahnanlagen mit dem neuen Hauptbahnhof hindurch über die Daberstedter Straße bis zur heute als Kaffeetrichter bezeichneten Kreuzung, wo Anschluss zur Grünen Linien hergestellt werden konnte. Auch die niveaugleiche Kreuzung der Grünen Linie mit der Eisenbahn konnte im Zuge der Höherlegung beseitigt werden. Bis 1895 wurde diese Linie im Süden abermals um etwa einen Kilometer verlängert und erreichte über die spätere Schillerstraße die Rote Linie in Höhe der Pförtchenstraße. Schon 1899 war neben der nördlichen Verlängerung der Gelben Linie bis zum Garnisonslazarett das Netz so weit gewachsen, dass die Linien einige Abschnitte untereinander tauschten.

Bald schon eine Ringlinie

Die Gelbe Linie hatte über eine weitere Neubaustrecke vom Pförtchen über die Friedrichstraße (Straße des Friedens), den Benaryplatz und das Brühl her den Friedrich-Wilhelms-Platz ein zweites Mal erreicht und bildete fortan eine Ringlinie. Die Grüne Linie führte ab Hirschgarten statt zum Anger (parallel zur Roten Linie) über eine Neubaustrecke durch die Neuwerk- und die Eichengasse und über die Lange Brücke ebenfalls zum Friedrich-Wilhelms-Platz und übernahm ab dort die nördliche Fortsetzung der vormaligen Gelben Linie. Es bestanden somit eine Ring- und zwei Durchmesserlinien. Letztere kreuzten einander am Hirschgarten und die Gelbe Ringlinie am Anger und bei der Pförtchenbrücke (Rote Linie) sowie Friedrich-Wilhelms-Platz und Kaffeetrichter (Grüne Linie). 1903 verlängerte man die Grüne Linie im Norden ein weiteres Mal bis zum Krankenhaus (Endstellenbezeichnung Nordhäuser Straße). Schon nach fünf Jahren wurde der Betrieb der Ringlinie – die inzwischen zur Weißen Linie geworden war – wieder aufgegeben, wobei deren Streckenteile auf zwei Linien verteilt wurden. Davon war die Blaue Linie eine völlig neue Linie. Da kein Abschnitt eingestellt wurde, berührten sich diese beiden Linien zweimal – am Benaryplatz/Brühlerwallstraße und am Anger – und umschlossen gemeinsam nach wie vor einen Teil der Stadt ringförmig, so wie zuvor die Weiße Linie. Vom Anger setzten sich ab 1904 beide Linien über Neubaustrecken fort, die in  die Leipziger und die Weimarische Straße führten.

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