»Zwirnsrolle« und »Sternbahn«

In Leipzig wird heute eines der zehn größten Straßenbahnnetze dieser Erde befahren. An vier Stellen überschreiten die Bahnen die Stadtgrenze, um in eine Nachbarstadt zu fahren. Von M. Mitdank

Leipzig hat das zweitgrößte Straßenbahnnetz Deutschlands (nach Berlin). Und: An vier Stellen passieren die Trams heute die Stadtgrenze, zwei davon liegen im Süden der Stadt und führen in die Nachbarstadt Markkleeberg – eine davon allerdings nur ein kurzes Stück –, eine im Nordwesten nach Schkeuditz und eine im Nordosten nach Taucha. Die nordwestliche Strecke nach Schkeuditz feierte im September – etwas verfrüht – das 100-jährige Bestehen. Die älteste der heute noch existierenden Strecken verlässt Leipzig nach Süden im Stadtteil Connewitz. Dieser Ast ist 4,8 Kilometer lang und wird seit dem 16. Mai 1902 betrieben. Er wurde von der damaligen Leipziger Außenbahn AG (LAAG) erbaut, eines Tochterunternehmens der Großen Leipziger Straßenbahn (GLSt). Seit 2002 bedient die Linie 9 diesen Abschnitt.

Über die Pleiße nach Süden

Diese Linie verkehrt in Straßenlage bis zur Endhaltestelle Markkleeberg/West (früher Gautzsch). Zwischen dem Connewitzer Kreuz und der Haltestelle Prinz-Eugen-Straße (früher Eiskeller – Endstelle der GLSt Linie 10) benutzte die LAAG die Strecke der GLSt mit. Heute befindet sich dort die Brücke der B2/B95. Im weiteren Straßenverlauf der Koburger Straße erreicht die Bahn die Haltestelle »Wildpark«. Diese Haltestelle wurde erst nach der Wende in Betrieb genommen. Darauf fährt die Bahn durch das »Connewitzer Holz« und passiert dabei die Stadtgrenze zwischen Leipzig und Markkleeberg. Diese Trasse wurde erst Mitte der 1970er-Jahre begradigt und verbreitert. Die frühere Streckenführung kann noch am Wildpark und am Ortseingang Markkleeberg ausgemacht werden. Die alte Trasse hatte eine umständliche und äußerst schmale Brückenüberfahrt über das Flutbett der Pleiße. Nun erreicht die Straßenbahn das bekannte und stilvoll restaurierte Gasthaus »Forsthaus Raschwitz«. Dort biegt die Bahn nach links in die Breitscheidstraße ein und bedient die Haltestelle Forsthaus. Nach wenigen 100 Metern erreicht die Trasse in einer Rechtskurve die Friedrich-Ebert-Straße, deren Straßenverlauf komplett durchfahren wird. An der nächsten Haltestelle wird die eingleisige Zwischenschleife Markkleeberg Mitte (bis 1934 Oetzsch) erreicht. Diese Wendeschleife wird heute nicht mehr linien­mäßig befahren und zeugt »von besseren Zeiten«, als hier noch täglich Züge der Linie 28E wendeten. Am Ende der Friedrich-Ebert-Straße liegt linkerhand der Tram der Bahnhof Markkleeberg. Von hier bis zur Endhaltestelle verläuft die Strecke eingleisig. Hinter der Haltestelle Bahnhof Markkleeberg biegt die Bahn rechts in die Rathausstraße ein, um gleich danach die elektrifizierte Eisenbahnstrecke Leipzig-Plagwitz – Gaschwitz niveaugleich zu kreuzen. Der Bahnübergang ist mit Schranken gesichert. Bei geschlossenen Schranken sind beide Bahnsysteme stromlos und die Eisenbahn fährt mit Schwung durch. Bei geöffneten Schranken wird die Anlage mit Gleichstrom der Straßenbahn versorgt.

Bald vor geschlossenen Schranken?

Derzeit findet auf der Strecke Plagwitz – Gaschwitz nur nächtlicher Güterverkehr statt. Doch in nächster Zukunft ist mit einer mehrjährigen Sperrung der Eisenbahnstrecke Gaschwitz – Leipzig-Connewitz wegen umfangreicher Bauarbeiten im Zuge des Baus des City-Tunnels Leipzig zu rechnen. Dann wird auch der Bahnübergang in Markkleeberg wieder rund um die Uhr von der Eisenbahn genutzt werden und die Tram wohl öfter vor geschlossenen Schranken warten müssen. Im weiteren Verlauf biegt die Straßenbahn nach links in den Ring ein. An dieser Haltestelle kann in einer Umfahrung der Gegenzug gekreuzt werden. Der aufmerksame Betrachter kann unschwer feststellen, dass ab hier in früheren Zeiten zweigleisig gefahren werden konnte. Aber der Materialmangel kurz nach Kriegsende zwang zum Ausbau nicht unbedingt notwendiger zweiter Gleise im Außenbereich des Straßenbahnnetzes. Dieser Zustand ist bis heute so geblieben. Hinter der Haltestelle wird nach rechts in die August-Bebel-Straße eingebogen. Mit dem nächsten Halt wird dann die Endstelle Markkleeberg/West erreicht. Die Schleife ist eingleisig, besitzt aber an der Abfahrtshaltestelle ein kurzes Rückstoßgleis. Diese Wendeschleife wird seit 1961 befahren. Früher fuhr die Bahn weiter durch die August-Bebel-Straße bis zur Kreuzung Koburger Straße. Damals befand sich vor der Gaststätte »Zum weißen Stern« die letzte regelmäßig befahrene Kuppel­endstelle im Netz der LVB. Diese Gaststätte war Namenspate für die ab 1902 hier fahrende Außenbahnlinie, die  nach dem als Liniensymbol verwendetem weißen Stern »Sternbahn« genannt wurde. Ab 1. Februar 1928 fuhr die Linie 28 nach Markkleeberg/West, seit Mai 2002 bedient die LVB-Linie 9 diesen Streckenabschnitt (Führung: Mockau – Markkleeberg/West). Derzeit ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, was den Fortbestand der Linie 9 betrifft.

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